Bootstrapping vs. Fundraising: Wann Gründer wirklich Kapital brauchen
Drei Gründer, drei völlig verschiedene Startups, aber dieselbe Frage: Braucht ihr eigentlich Investorengeld? Zwei der drei sagen "eher nicht" oder "noch nicht" – und liefern damit einen erfrischend unaufgeregten Gegenentwurf zu der Vorstellung, dass ein Startup ohne Series A irgendwie nicht ernst zu nehmen ist.
"Das sind eigentlich nur rote Flaggen"
Tobias, Mitgründer von Bidding Ground, einer Ausschreibungsplattform für Gewerbe- und Industriestrom, hat den VC-Test gemacht – und ist ziemlich schnell wieder rausgeflogen. Als Bidding Ground durchs Leipziger SpinLab lief und ein paar Zeitungsartikel in der Energiewirtschaft für Aufmerksamkeit sorgten, meldeten sich die ersten Investoren. Das Ergebnis der Gespräche beschreibt Tobias so: "Wir haben aber relativ schnell festgestellt, dass wir eigentlich [...] schwer zu investieren sind. Das sind eigentlich nur rote Flaggen, die man da so sehen kann." Der Hauptgrund ist denkbar unspektakulär und trotzdem hart: Im Gründerteam sitzen seine Frau als Geschäftsführerin und sein Schwager als Mitgründer. Fachlich ergänzt sich das Trio, sagt Tobias – aber aus Investorenperspektive ist eine Ehe, die auch mal kriselt, ein Risiko, das man nicht einpreisen will.
Statt sich das als Makel zu verkaufen, hat Tobias daraus eine bewusste Richtungsentscheidung gemacht. "Ich finde aber auch, als uns klar war, dass wir kein VC-Case sind, war das auch bisschen befreiend", sagt er im Podcast. Die Alternative zum Pitchdeck-Marathon war simpel: mit Kunden reden statt mit Investoren. Bidding Ground wächst seither aus eigenen Umsätzen, nebenberuflich zunächst, mittlerweile mit ersten Vollzeitkräften aus dem Gründerteam. Das erklärte Ziel ist dabei explizit kein Blitzscale-Case, sondern, wie Tobias es formuliert, "irgendwann mittelständisches Unternehmen sein" – eines, das ein paar Leute "in Lohn und Brot" bringt, weil das Produkt funktioniert. Kein Unicorn-Traum, sondern ein Zebra im besten Sinne: nachhaltig statt auf Teufel komm raus skaliert.
Fundraising als Werkzeug, nicht als Statussymbol
Nathanael Mayer von Value Verde – die Plattform macht Genossenschaftsanteile digital zeichenbar – steht an einem anderen Punkt derselben Frage. Bislang ist auch sein Startup komplett gebootstrapped: "Wir sind bis jetzt gebootstrapped, auch über Fördermittel und bisschen Umsätze." Aber im Gegensatz zu Tobias plant er inzwischen aktiv eine Finanzierungsrunde, für Ende 2025 beziehungsweise Anfang 2026. Interessant ist die Begründung, denn sie hat nichts mit Wachstum um des Wachstums willen zu tun. Value Verde will sein Produkt um Sparpläne, Fonds und ETFs auf Genossenschaftsanteile erweitern – und dafür braucht es zusätzliche regulatorische Erlaubnisse als Finanzdienstleister. Nathanael bringt es auf den Punkt: "Dafür brauchen wir einfach andere Erlaubnisse, die Geld kosten auf verschiedenen Ebenen, die wir nicht selber tragen können." Es geht also nicht darum, mit frischem Kapital das Marketingbudget aufzupumpen, sondern um eine konkrete regulatorische Eintrittskarte, die ohne externes Geld schlicht nicht zu stemmen ist.
Diese Begründung ist bemerkenswert unaufgeregt für eine Branche, in der Fundraising oft als Bestätigung des eigenen Erfolgs inszeniert wird. Nathanael verpackt die Kapitalaufnahme nicht in eine große Wachstumserzählung, sondern in eine Kosten-Nutzen-Rechnung mit einem sehr konkreten Zweck: Ohne diese Erlaubnisse kein nächster Produktschritt, ohne Kapital keine Erlaubnisse. Fertig.
Das deckt sich mit einem größeren Bild: Bootstrapping heißt in Deutschland selten "nur aus eigener Tasche". Zwischen Ersparnissen und Venture Capital liegt ein ganzes Ökosystem an nicht-verwässernden Fördermitteln, wie sie auch in Nathanaels bisheriger Finanzierung stecken. Das EXIST-Gründungsstipendium unterstützt Teams mit Hochschulbezug für bis zu zwölf Monate mit Lebenshaltungskosten, Sachmitteln und Coaching, komplett ohne Anteilsabgabe. Wer schon zahlende Kunden hat, kann über den KfW-Gründerkredit StartGeld zusätzlich bis zu 200.000 Euro als klassischen Kredit statt Beteiligungskapital aufnehmen. Beides ersetzt kein Fundraising für regulatorische Großvorhaben wie bei Value Verde – zeigt aber, dass "gebootstrapped" und "staatlich gefördert" sich hierzulande nicht ausschließen, sondern in der Praxis oft dieselbe Sache sind.
Der unsichtbare Teil der Finanzierungsfrage: Struktur
Kai Czernaneki von Fideos, einem Startup, das Steuerprozesse für Gründer-Holdings automatisiert, ist zwar kein Fundraising-Case im engeren Sinn – aber er liefert den Teil der Gleichung, den viele Gründer bei der Bootstrapping-vs-Fundraising-Debatte komplett übersehen: die Kapitalstruktur, unabhängig davon, ob überhaupt fremdes Geld fließt. Sein wichtigster Tipp, den er selbst als "besten Holding-Tipp" bezeichnet: früh eine Holding aufsetzen, und zwar bevor es teuer wird. Als Beispiel nennt er einen befreundeten Angel-Investor, der seine Anteile privat statt über eine Holding gehalten hatte. Beim Exit mit 20-fachem Return – nach eigener Einschätzung ein Ausreißer, "das ist natürlich 1 von 100" – zahlte dieser Investor dadurch rund 100.000 Euro mehr Steuern, als es mit einer Holdingstruktur nötig gewesen wäre. Bei Gründeranteilen sei der Effekt noch drastischer, so Kai. Der Grund, warum trotzdem viele zu spät gründen, war früher nachvollziehbar: Verwaltungskosten. Heute nicht mehr, sagt er – bei Fideos kostet die Holding "600 Euro pro Jahr, komplett abgefrühstückt."
Der zweite Punkt von Kai passt ebenfalls ins Bild: Investoren-Netzwerke sind kein Selbstzweck. Auf die Frage, wie man beurteilt, ob ein Investoren-Event den Aufwand wert ist, antwortet er nüchtern: "Ich gucke halt einfach auf diesen Return of Invest." Und weiter: "Ich kenne relativ wenige Deals, die geclosed wurden auf einem Event." Wer aus reiner FOMO auf jede Konferenz rennt, in der Hoffnung, dort den Trauminvestor zu treffen, verschwendet nach seiner Erfahrung meist nur Zeit, die anderswo produktiver eingesetzt wäre – etwa im eigenen Onboarding-Funnel.
Das Muster hinter den drei Perspektiven
Was alle drei Gespräche gemeinsam haben, ist eine auffallende Abwesenheit von Kontrollverlust-Ängsten als Hauptargument. Weder Tobias noch Nathanael begründen ihre Haltung zu Fundraising mit "wir wollen keine Anteile abgeben" – sondern mit strukturellen, ziemlich konkreten Faktoren: einer familiären Konstellation, die für Investoren ein Risikosignal ist, beziehungsweise einem regulatorischen Preisschild, das ohne externes Kapital nicht zu bezahlen ist.
Wer sich generell fragt, wann der richtige Zeitpunkt für den Sprung ins Fundraising ist, findet dafür eine griffige Faustregel: die 18-Monats-Regel. Eine Auswertung von über 500 Startups durch FinanceResolver zeigt, dass Gründer, die mit noch 18 Monaten Runway in den Fundraising-Prozess starten, im Schnitt 40 Prozent schneller abschließen und dabei um 23 Prozent höhere Bewertungen erzielen als Teams, die erst unter akutem Geldmangel loslegen. Nathanaels Timing – Fundraising starten, sobald ein konkreter, bezifferbarer Bedarf feststeht, nicht erst wenn das Konto leer ist – liegt damit ziemlich genau im empfohlenen Korridor.
Das passt auch zu einem größeren Trend im deutschen Startup-Markt: Laut dem EY Startup Barometer 2026 ist die Zahl der Finanzierungsrunden 2025 das vierte Jahr in Folge gesunken, während das Gesamtvolumen fast ausschließlich durch Großdeals ab 100 Millionen Euro getrieben wurde – kleine Deals bis eine Million Euro waren sogar rückläufig. Venture Capital konzentriert sich zunehmend auf wenige, bereits etablierte Fälle. Für alle anderen bleibt die Frage, die Tobias, Nathanael und Kai auf ihre Weise beantworten, drängender denn je: nicht "wie kommen wir an Kapital?", sondern "wofür genau bräuchten wir es eigentlich – und würde es unser Problem wirklich lösen?"
Quellen
- EY Startup Barometer 2026
- EXIST-Gründungsstipendium (BMWK)
- KfW-Gründerkredit StartGeld (067)
- FinanceResolver: Startup Runway – Data from 500+ Startups

