Die stillen Kosten des Gründens: Drei Probleme, über die niemand redet
Pitch-Decks, Funding-Runden, Wachstumskurven — darüber redet jede Startup-Bühne bereitwillig. Wie einsam der Job an der Spitze macht, was er mit dem eigenen Selbstbild anstellt und was er der eigenen Beziehung abverlangt, dagegen kaum. Drei Baustellen, die selten auf der Bühne landen, aber fast jede:n Gründer:in irgendwann einholen.
Einsam an der Spitze, auch mit Mitgründer:innen
Der Mythos vom einsamen Solo-Gründer stimmt so nicht ganz — die Einsamkeit trifft auch Teams mit mehreren Köpfen. Eine Befragung von 109 CEOs kanadischer Organisationen plus 46 Tiefeninterviews kam laut Harvard Business Review zu einem Ergebnis, das viele überrascht: Die Einsamkeit entsteht nicht aus fehlenden Kontakten, sondern aus dem Gewicht der Entscheidung selbst — besonders dann, wenn Board oder Führungsebene unentschlossen oder uneinig wirken und am Ende doch wieder einer allein abwägen muss. Rund die Hälfte aller CEOs berichtet laut The Lonely Entrepreneur von Einsamkeit im Job, bei jüngeren Gründer:innen unter 34 nennt fast jede:r Dritte Isolation als große Herausforderung, bei weiblichen Gründerinnen ist Einsamkeit für jede siebte sogar das größte Problem überhaupt.
Mitgründer:innen und Team ändern daran wenig, solange niemand offen über die eigene Erschöpfung redet — aus Sorge, die anderen zu beunruhigen oder Schwäche zu zeigen. Das Team schaut nach oben, nicht zur Seite; die Mitgründer:innen wollen sich gegenseitig nicht verunsichern. Auf jedem Panel wird über Wachstum geredet, kaum jemand steht freiwillig auf und sagt: "Ich weiß gerade auch nicht weiter." Ryan Guterman von Faradaic bringt es im Podcast auf den Punkt: das "Hero-Syndrom", der Irrglaube, man müsse das alleine schaffen — dabei stecke laut ihm hinter jeder erfolgreichen Gründung immer ein Netz aus Familie, Freund:innen, Mitgründer:innen und Investor:innen im Hintergrund. Sein Gegenmittel ist unspektakulär, aber wirksam: Familie, Netzwerk und die eigenen Finanzen vor der Gründung in Ordnung bringen — sonst wird ein ohnehin harter Weg unnötig hart.
Wenn die Firma zu deiner Identität wird
Die zweite stille Falle: Irgendwann ist nicht mehr "die Firma läuft schlecht", sondern "ich versage". Diese Verschmelzung von Selbstwert und Unternehmenserfolg ist mittlerweile ein eigenes Forschungsfeld — eine aktuelle Studie trägt den bezeichnenden Titel "Not me, not yet, not anymore": Founder identity and entrepreneurial disidentification und untersucht genau diesen Prozess: wie Gründer:innen ihre Identität mit dem Unternehmen verschmelzen — und wie schwer es ist, sich davon wieder zu lösen, wenn es nötig wird.
Das Tückische daran: Es passiert schleichend. Am Anfang ist die Firma ein Projekt, irgendwann ist sie der Grund, warum man morgens überhaupt aufsteht — und jede schlechte Nachricht (ein abgesprungener Kunde, eine verpasste Runde) trifft dann nicht mehr das Projekt, sondern direkt den eigenen Selbstwert. Genau hier liefert Tina Weise von Trueffles im Podcast ein Gegenbeispiel, das man sich abschauen sollte. Auf die Frage, was wäre, wenn Trueffles nicht klappt, antwortet sie nicht mit Abwehr, sondern mit einer bewussten Trennung: Ein Scheitern des Startups wäre kein persönliches Scheitern, sondern schlicht ein Lerngewinn — und die im Gründungsprozess entstandenen Team-Beziehungen blieben unabhängig vom Erfolg der Firma bestehen. Das ist keine naive Schönrederei, sondern eine aktive Praxis: Selbstwert bewusst an etwas anderem festmachen als am Kontostand oder der nächsten Bewertungsrunde.
Beziehungen und Familie im Schatten der Gründung
Über Burnout wird inzwischen offener geredet. Was das konkret mit Partnerschaft und Familie macht, kaum. Eine Langzeitstudie mit 628 britischen Paaren über 31 Jahre, veröffentlicht in Small Business Economics, zeigt: Wechselt eine Person vom Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit, sinkt das Wohlbefinden der nicht-gründenden Partnerin oder des Partners messbar — über zwei Mechanismen. Erstens die Zeit: deutlich längere Arbeitszeiten, vor allem bei männlichen Gründern und bei Unternehmen mit eigenem Team. Zweitens das Geld: sinkendes Haushaltseinkommen, besonders bei Solo-Gründungen ohne Mitarbeitende.
Wie konkret sich das anfühlt, zeigt eine kleine, fast beiläufige Beobachtung von Tina Weise im Podcast: Ist ihre Partnerin präsent, schafft sie es, um 18 Uhr Feierabend zu machen. Ist sie allein in Berlin, arbeitet sie bis 22 oder 23 Uhr durch. Keine große Dramatik, aber ein Muster, das die Studienzahlen plastisch macht — Präsenz und Nähe wirken wie eine Bremse, die im Homeoffice-Trott sonst schnell fehlt. Ryan Gutermans Rat von oben gilt deshalb doppelt: Wer Familie und Finanzen vor der Gründung stabilisiert, nimmt der Beziehung einen Teil des Drucks, bevor er überhaupt entsteht. Die Gründung als Marathon zu behandeln statt als Sprint, ist dabei keine Floskel, sondern eine der wenigen Stellschrauben, die tatsächlich in der eigenen Hand liegen.
Quellen
- CEOs Often Feel Lonely. Here's How They Can Cope. – Harvard Business Review
- Entrepreneur Loneliness: Why 50% of CEOs Suffer in Silence – The Lonely Entrepreneur
- "Not me, not yet, not anymore": Founder identity and entrepreneurial disidentification – ScienceDirect
- Unseen strain: how entrepreneurial pursuits undermine spousal well-being – Small Business Economics

